Weinheimer Nachrichten, 20.11.2017, S. 9

Auf dem Weg zur digitalen Schule

Weinheim. Smartphones und Tablets sind aus dem Alltag der meisten Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Doch an deutschen Schulen ist der Umgang mit digitalen Endgeräten vielerorts eher die Ausnahme als die Regel. Dabei ist das Schlagwort der Digitalisierung in aller Munde. Die Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) in Weinheim ist ein Beispiel dafür, wie solche Geräte den Unterricht bereichern können. Bereits vor sechs Jahren wurde der DBS attestiert, eine „MINT-freundliche Schule“ zu sein. MINT steht für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik - alles Bereiche, in denen in Deutschland Fachkräftemangel besteht. Seit dreieinhalb Jahren werden Tablets im Unterricht eingesetzt. Seit dem Schuljahr 2016/17 gibt es an der DBS sogar eine "Tablet-Klasse", in der die Schüler und Lehrer die Möglichkeiten dieser digitalen "Alleskönner" in allen Fächern im Unterricht und zu Hause nutzen.

Mit dem Zertifikat "Digitale Schule" hat das Gymnasium jetzt die nächste Stufe erreicht - als eine von nur zehn Schulen in Baden-Württemberg. Zwar ist das Zertifikat nicht mit einer finanziellen Förderung verbunden, aber es öffnet Türen bei Fortbildungsangeboten..

Vergeben wird dieses Zertifikat vom Verein "MINT Zukunft schaffen", der von mehreren Organisationen getragen wird, zum Beispiel dem Verein "Wissensfabrik - Unternehmen für Deutschland", dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und dem Verband der Internetwirtschaft ("eco").

Was hinter dem Schlagwort "Digitale Schule" steckt, erläuterten am Montag Schulleiterin Gudrun Aisenbrey, Abteilungsleiter Tobias Tempel, der Tablet-Beauftragte Fabian Bergwitz und der Netzwerkbeauftragte der Schule, Michael Huke, zusammen mit den beiden Neuntklässlern Hannah Grosch und Marlon Brandis.

70 Tablets im Einsatz
Tobias Tempel verwies dabei unter anderem auf die technische Ausstattung der Schule: Alle Klassenräume sind mit Full-HD-Beamern und Apple-TV ausgestattet. Ein modernes Netzwerk und ein flächendeckendes WLAN-Netz sorgen dafür, dass der Zugriff aufs Internet überall möglich ist. Insgesamt stehen der Schule 70 Tablets (Apple iPads) und 200 Rechner zur Verfügung.

Doch das ist nicht alles: Schüler werden zu Medienscouts ausgebildet, ein freiwilliger Informatikkurs ergänzt das Bildungsangebot in der achten Klasse, 70 % der Gymnasiallehrer nutzen die Tablets bereits in ihrem Unterricht.
"Dabei konzentrieren wir uns nicht nur auf die MINT-Fächer, sondern setzen die Geräte auch dazu ein, eine möglichst breite Allgemeinbildung zu vermitteln und die Schüler auch im Umgang mit digitalen Medien zu mündigen Bürgern zu erziehen", betonte Michael Huke.

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Huke nannte ein Beispiel aus dem Fach Physik: Die Berechnung der Flugbahn eines Balles kann live demonstriert, gefilmt und gemessen werden, was das Verständnis für die physikalischen Prozesse deutlich erleichtere.
"Mich motivieren diese modernen Formen der Stoffvermittlung", sagt Marlon Brandis. So kann man mit den entsprechenden Apps (Anwendungsprogrammen) und einem speziellen Stift (Apple Pencil) auch auf dem Bildschirm schreiben, zeichnen, rechnen und das Ergebnis abspeichern. Auch der direkte Austausch von Daten mit Lehrern und Klassenkameraden ist möglich.

Kein Wunder, dass Hannah Grosch die neuen Möglickeiten auch nicht mehr missen möchte. Die Sorge mancher Eltern, dass die Jugendlichen dann noch mehr Zeit beim Spielen auf dem Tablet verbringen, haben sich zudem nicht erfüllt, sind sich alle Beteiligten einig. Im Gegenteil: "Manchmal schaue ich mir abends noch ein Erklärvideo an; den Stoff aus dem Schulbuch zu wiederholen, würde ich mir abends eher nicht antun", erklärt Marlon Brandis schmunzelnd.

Nicht alles digital
So ganz verzichten auf handschriftliche Schulhefte und gedruckte Schulbücher kann und will man an der DBS allerdings nicht, auch wenn die Verknüpfung von digitalen und analogen Inhalten eine Herausforderung bleibt. Aber weil es bisher nur eine "Tablet-Klasse" an der DBS gibt und selbst diese Schüler in der Oberstufe ihre Tablets an die nächste Generation weitergeben müssen, kann es nicht schaden, auch die klassischen Methoden des Lernens zu beherrschen.

Insofern ergibt einer der Kernsätze der "Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) durchaus Sinn: "Die Beherrschung von Informations- und Kommunikationstechnologie ergänzt die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen".
Schulleiterin Gudrun Aisenbrey würde am liebsten alle Klassen mit Tablets ausstatten. "Aber dafür fehlt schlicht und ergreifend das Geld", macht sie deutlich. Dennoch sei sie sehr dankbar, dass die Stadt als Schulträger, die Hopp Foundation und der Förderverein Fidibus immer wieder Mittel zur Verfügung gestellt hätten. Jetzt müsse man abwarten, was von der Bildungsoffensive tatsächlich in den Schulen ankommt. (pro)

Rhein-Neckar-Zeitung, 27.11.2017

Lernen in der virtuellen Realität Als "Digitale Schule" zertifiziert - Schüler wiederholen mit Tablet-PCs freiwillig Unterrichtsstoff

Weinheim. (keke) Kaum eine andere gesellschaftliche Entwicklung verändert das Lernen so sehr wie die Digitalisierung. Wie können Schüler und Lehrkräfte von ihren Möglichkeiten profitieren? Wie sehen zeitgemäße digitale Lehr- und Lernsettings aus? Schulleitung und Kollegium des Gymnasiums innerhalb des Dietrich-Bonhoeffer-Schulverbunds (DBS) haben auf diese Zukunftsfragen bereits vor einigen Jahren beispielhaft reagiert.

Für ihre Aktivitäten im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) wurde die DBS bereits vor sechs Jahren zur "MINT-freundlichen Schule" gekürt, dieser Tage erklomm das Gymnasium eine weitere Stufe. Als eine von zehn Schulen im Land wurde sie als "Digitale Schule" zertifiziert.

Der Hintergrund: Nachdem vor dreieinhalb Jahren erstmals Tablets im Unterricht eingeführt wurden, gibt es an der DBS seit dem Schuljahr 2016/2017 mit der Klasse 9.1.4 auch eine spezielle "Tablet-Klasse", in der die Schüler den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung begegnen.

Das Gymnasium der DBS blicke auf eine lange Tradition im Umgang mit digitalen Geräten zurück, sagte Schulleiterin Gudrun Aisenbrey im Pressegespräch: "Der erste Computer stand bereits 1980 in der Schule." Zu guter Bildung im 21. Jahrhundert seien IT-Kenntnisse und ein souveräner Umgang mit der Technik und deren Risiken ebenso wie das Lernen mit digitalen Medien unabdingbar.

Um als "Digitale Schule" ausgezeichnet zu werden, bedurfte es der Erfüllung von fünf Kriterien, von denen alle mit mindestens zwei Indikatoren belegt werden mussten, erläuterten Abteilungsleiter Tobias Tempel, der Tablet-Beauftragte Fabian Bergwitz und der Netzwerk-Beauftragte der Schule, Michael Huke.

Im Bereich "Pädagogik und Lernkulturen" wurden die Anforderungen unter anderem durch den Einsatz von Microcontrollern im Unterricht, Tablet-Klassensätzen mit Rollkofferlösung sowie einem zusätzlichen Informatikkurs für Interessierte in Klasse 8 erfüllt. "70 Prozent des Kollegiums nutzen diese Möglichkeiten", erklärt Bergwitz.

Die Qualifizierung der Lehrer geschieht durch Fortbildungsprogramme der Hopp-Foundation an der Schule. Hinzu kam ein Pädagogischer Tag zum Thema "Lernen mit und durch neue Medien". Als dritte Anforderung wurde die "Vernetzung mit Eltern, Kommune und Wirtschaft" durch Vorträge im Elternbeirat, Ansprechpartner als Tablet-Experten in der Region und die Teilnahme am Runden Tisch "Smarte Bildung" erfüllt.

Die "Konzepte zur digitalen Bildung" konnten durch ein Präventionsprogramm zum Umgang mit sozialen Medien sowie die Ausbildung von Schülern zu "Medien- Scouts" abgehakt werden. Bleibt die "Technik und Ausstattung der Schule". Pluspunkte gab es hier dafür, dass alle Klassen- und Fachräume mit Full-HD-Beamern und Geräten für die drahtlose Übertragung von Bildschirmen multimedial ausgestattet sind. "Zusätzlich gibt es WLAN mit insgesamt 14 Zugangspunkten sowie einem überall möglichen Zugriff auf das Internet", nannten Tempel und Huke "70 iPads", "Virtual-Reality-Brillen" (einschließlich High-End-Computer) sowie fünf Computerräume und einen Laptopwagen mit etwa 200 Rechnern zur weiteren Kriterienerfüllung.

Dass sich der Unterricht nicht nur auf die MINT-Fächer beschränkt, führten die Neuntklässler Hannah Grosch und Marlon Brandis mit "Live-Demonstrationen" auf ihren Tablets vor. Als besonderen "Motivationsschub" bezeichneten beide die "moderne Form der Stoffvermittlung".

Begeistert waren Hannah und Marlon von Programme, die es mit einem vom Förderverein "Fidibus" gesponserten "Pencil" möglich machen, auf dem Bildschirm zu schreiben, zeichnen, rechnen und das Ganze abzuspeichern. Auch die direkte Daten-Kommunikation mit Klassenkameraden und Lehrern ist möglich.

Hannah und Marlon schauen sich sogar vor dem Schlafengehen freiwillig noch Videos zum Unterrichtsstoff an. "Den Stoff aus dem trockenen Schulbuch zu wiederholen, würde ich mir abends nicht mehr antun", gibt Hannah zu. Mit Tablets sei man dagegen "näher an der Lebenswelt dran", ergänzt Marlon.

Allerdings: Das "analoge" Schreiben in Schulhefte und eine saubere Heftführung gehören nicht gänzlich der Vergangenheit an. Auch Klassenarbeiten basieren noch auf dem althergebrachten System. In der Oberstufe müssen Hannah, Marlon und ihre Mitschüler die Tablets wieder an die nachfolgende Schülergeneration weitergeben. Schulleiterin Gudrun Aisenbrey auf die Frage, ob sie am liebsten alle Klassen mit Tablets ausstatten würde: "Lieber gestern als morgen. Aber dafür fehlen der Schule die finanziellen Mittel."

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