Ermahnung für Zukunft und Gegenwart

Weinheimer Nachrichent, 29. Januar 2019

Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule halten zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eine Gedenkfeier im Musiktheater ab.

Weinheim. Die Schlinge aus armdickem Tau hängt von dem hölzernen Querbalken herab. Drei breite Stufen führen hoch auf das Podest. Schwarzweiß. Hier stiegen sie hoch. Hinauf auf eine Kiste, die über der Falltür gestellt war, und legten sich selbst den Strick um den Hals. Über den Bergen am Horizont hängen Wolken und Nebel fest.

Diese Szene spielte sich im Konzentrationslager Struthof-Natzweiler wohl tausende Male ab. Nicht selten mussten die Inhaftierten bei den Hinrichtungen zusehen. Eine unmenschliche Methode der Demoralisierung, Zermürbung und Abschreckung – von Menschen Menschen angetan.

Eugène Marlot überlebte Struthof-Natzweiler, nachdem er 1943 als Mitglied des französischen Widerstands verhaftet und deportiert wurde. Seine Erlebnisse schrieb er nieder und erzählte seine Geschichte bis zu seinem Tod im Jahr 1998.

Nur zwei Jahre zuvor, 1996, führte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ein – festgelegt auf den Tag der Befreiung von Auschwitz. Denn was am 27. Januar 1945 endete, soll sich nie wieder wiederholen.

Auch in Weinheim beschäftigen sich die nachfolgenden Generationen mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Die zentrale Gedenkfeier hält seit vielen Jahren die Dietrich-Bonhoeffer-Schule ab, so auch am Montagvormittag. Im Musiktheater erzählte die AG Geschichte von ihren Erlebnissen und Gedanken zu ihrer Exkursion in das Konzentrationslager Struthof-Natz–weiler.

Eine Lesung von Barbara Bisicky-Ehrlich, die ein Buch zu ihrer Familiengeschichte verfasste, bewegte die Schüler gleichermaßen. „Sag’, dass es dir gut geht“ ist eine jüdische Familienchronik, die Bisicky-Ehrlich und ihre Großmutter Helenka, eine Zeitzeugin, gemeinsam verfassten.

Frage nach dem Warum

Die Schüler stellten sich aber zunächst die Frage, die chronologisch am Anfang der Nazi-Zeit steht: Wie konnte Hitler überhaupt an die Macht kommen und derartiges Unrecht geschehen lassen? Mit „radikalen und für das Volk verlockende Zukunftsideen“ überzeugte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) zum Ende der Weimarer Republik viele Menschen der Bevölkerung. Durch die Weltwirtschaftskrise begünstigt, stieg die Partei schließlich zu einer der stärksten im deutschen Reichstag auf. Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt und schaffte sukzessive die Demokratie ab. Der Grundstein für die Diktatur und all das, was folgte, war gelegt.

Der Projektor wirft, passend zu den erzählten Szenen, Bilder an die Wand: Porträts von Adolf Hitler, seiner „Schutzstaffel“ (SS) und wichtigen Schauplätzen. Immer im Wechsel tragen die Schüler ihre Zeilen vor, die das Geschehene ein Stück weit erlebbar machen und persönlicher darstellen. Denn nicht nur Zitate aus Zeitzeugenberichte werden vorgetragen, sondern auch die eigenen Empfindungen. Für kurze Momente des Innehaltens sorgen zwei musikalische Beiträge, gespielt auf Klarinette und Klavier.

Wenn die Schüler an ihre Exkursion zu der Gedenkstätte am ehemaligen Konzentrationslager denken, dann denken sie „an ein System von Erniedrigung und Folter“. Sie denken „an einen Ort, an dem viele Menschen ermordet wurden“, „an Unrecht und an Willkür“. Deshalb seien Mahnmale und Lesungen zwei Beispiele für das Erinnern an die Vergangenheit, aber auch Ermahnung für Gegenwart und Zukunft. Diese gelten vor allem in Zeiten, in denen „Werte wie Demokratie und Freiheit oft nicht die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen.“

Am Ende der Gedenkfeier formulierten die AG-Mitglieder ihre Appelle: Hinterfragen, Offenheit, Toleranz, Demokratie, kein Extremismus, kein Antisemitismus und keine Diskriminierung bleiben am Schluss neben einem Zitat von Elie Wiesel, Schriftsteller und Überlebender des Holocausts, stehen: „Aus diesem Grund habe ich mir geschworen, dass ich niemals dort schweigen werde, wo der Mensch leidet und gedemütigt wird.“

ppf

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