Vital und sehr präsent bis zum bitteren Ende

Shakespeares „Romeo & Julia“ ist kein leichter Stoff fürs Schultheater. Das „Guckkastentheater“ der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Weinheim zeigt, wie man den Klassiker zeitgemäß inszeniert:

Weinheimer Nachrichten vom 06. Juni 2019

Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Drawitsch

Theater: "Guckkastentheater" der Dierich-Bonhoeffer-Schule bietet mit eigener Variante des Klassikers "Romeo und Julia" über zwei Stunden packendes Bühnendrama

Weinheim. Am Ende liegt auch im Musiktheater der Dietrich-Bonhoeffer-Schule das wohl berühmteste Liebespaar der Weltliteratur tot auf der Bühne; geopfert auf dem Schlachtfeld aus Rache und Gewalt, auf dem die Liebe angesichts bornierter Abgrenzung und gekränkter Ehre keine Chance hat. Die herrschenden Gesetze der Gesellschaft treiben Romeo und Julia vor sich her, die Verstrickungen werden von Szene zu Szene dichter, das Schicksal kennt keine Gnade.

In Romeos Satz „Die schwere Last der Liebe stößt mich um“ liegt schon die Ahnung des unvermeidlich Drohenden. Mit „Die Liebe macht vor keiner Mauer halt“ beschwört der von Daniel Schenk mutig verkörperte Romeo in der wundervoll ins Licht gesetzten, berühmten Balkonszene dennoch die stärkste Lebenskraft und wird von einer grazilen, fein von Adina Stein gespielten Julia auf Wahrhaftigkeit seines Liebesschwurs geprüft: „Schwör nicht beim wechselhaften Mond.“

Immer wieder zeugen Originalzitate von Shakespeares mitreißender, packender Ausdrucksform, und seine Charaktere vertragen keine Halbherzigkeit in der Darstellung. Da zahlt sich die jahrelange, kontinuierliche Aufbauarbeit im Unterstufen- und „Guckkastentheater“ der Dietrich-Bonhoeffer-Schule aus. Regisseurin Liane Schneider hat in den vergangenen Monaten bühnenerfahrene Schülerinnen und Schüler aus neunten und zehnten Klassen an ein Stück herangeführt, das neben leidenschaftlicher Darstellung auch enormes Stehvermögen verlangt.

Im hervorragenden Ensemble stach vor allem Viola Weinreich als quirlige, alle aufmischende Amme heraus, die wie ein Brückenkopf der Familie Julias zu der von Romeo agierte und ganz und gar in ihrer Rolle aufging.

Über zwei Stunden agierten alle vital und sehr präsent bis zum bitteren Ende. Sie setzten alles so mitreißend in Szene, dass man mitunter wünschte, das Drama würde diesmal – ausnahmsweise – einmal mit einem Happy End ausklingen. Die Abläufe in den einzelnen Szenen sitzen, die Stockkampf-Duelle der verfeindeten Familien Montague und Capulet sorgen für Action, und die tiefere Botschaft des menschlichen Dramas wird von jedem Einzelnen transportiert. Dazu gehört auch die Kritik am Klerus, der sich in Person des Paters Lorenzo, von Paul Renner in Szene gesetzt, als moralisches Desaster präsentiert.

Einzigartig wird die Inszenierung des Klassikers durch markant gesetzte Gegenwartsakzente. Filmsequenzen einer alten Tagesschau, die nahtlos in kurze, selbstgedrehte Clips übergehen, geben diesem „Romeo & Julia“ ein ebenso unvergleichliches Alleinstellungsmerkmal wie Musikeinlagen mit den beiden Sängerinnen Olivia Fee Raab und Marina Zivkovic. Auch der Auftritt rappender Mönche und die Tatsache, dass hier eine liebestrunkene Julia die nächtliche Begegnung mit ihrem Geliebten anschließend mit anrührendem Timbre in der Stimme besingt, zeugen vom Geschick der Regisseurin, besondere Talente der Schauspieltruppe einzubauen und doch das große Ganze der Shakespearschen Fassung nicht aus den Augen zu verlieren.

Bei der Premiere am Dienstagabend wurde klar: Hier ging das „Guckkastentheater“ bis an die Schmerzgrenze dessen, was Schülertheater in Quantität und Qualität eines enorm anspruchsvollen Klassikers leisten kann. Insofern waren akustische Unzulänglichkeiten bei der Verständlichkeit der Texte in einigen Passagen der Aufführung nur ein korrigierbarer Wermutstropfen.
dra

Weitere Aufführungen von „Romeo & Julia“ am heutigen Donnerstag und morgigen Freitag um 19.30 Uhr im Musiktheater der Dietrich-Bonhoeffer-Schule.

Die Mitwirkenden

Schauspieler:
Romeo: Daniel Schenk,
Julia: Adina Stein,
Amme/Frau Monatgue: Viola Weinreich,
Paris/Herr Montague: Lucas Krafft,
Pater Lorenzo/Tybalt: Paul Renner,
Herr Capulet/Bruder Matthäo/Obdachloser: Lukas Gruber,
Frau Capulet/Mercutio: Katharina Specht,
Benvolio: Jacob Müller,
Fürst: Olivia Fee Raab,
Balthasar: Christopher Keller,
Gäste auf der Party: Ensemble und Aliyah Klapprath.

Sängerinnen: Olivia Fee Raab und Marina Zivkovic.
Klavier
: Silvia Held,
Gitarre
: Lukas Gruber.

Bühnenbild: Emma Neumann, Nea Brunn, Marlene Schäfer, Klara Hirsch und Nathalie Gräber.
Technik: Andreas Braig, Benjamin Bogs, Felix Schaaf, Sebastian Specht, Nils Voelkel, Clara Held, Felix Scheib. Leitung Bühnenbild- und Technik-AG: Elena Endres.
Plakat: Julia Schreider. Maske: Julia Schreider, F. Keller.

Gesamtleitung: Liane Schneider.

Seite wird geladen
Vital und sehr präsent bis zum bitteren Ende