Weniger als erwartet, trotzdem zu viel

Weinheimer Nachrichten vom 29. Oktober 2019

Die Arbeitsgemeinschaft „Ein Jahr für die Umwelt“ an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule sammelt eine Woche lang den Müll, der an der Schule anfällt. Das Ziel: Bewusstsein schaffen.

Weinheim. Wie schafft man es, weniger Müll zu produzieren? Experten in Sachen „Zero Waste“ (auf Deutsch: „Null Müll“) geben Einsteigern gern folgenden Tipp: Notiere eine Woche lang, was und wie viel du wegwirfst. Denn wenn man weiß, wo die größten Müllquellen liegen, lässt sich das Abfallaufkommen leichter verringern.

An der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) haben sich einige Schülerinnen und Schüler diesen Tipp in der vergangenen Woche zu Herzen genommen: Von Montag bis Freitag landete der Müll aus den Klassenzimmern nicht direkt im Container, sondern in großen blauen Säcken vor der Schule.

Angeregt hatte die Aktion die Arbeitsgemeinschaft (AG) „Ein Jahr für die Umwelt“. Alle Schülerinnen und Schüler sollten sehen, wie viel Müll die Schule in einer Woche produziert. Die Abfälle aus der Mensa und größere Kartonagen konnte die AG zwar nicht sammeln. Das Ergebnis war dennoch beachtlich: Etwa 70 Säcke stapelten sich vor der Schule – darin vor allem Papier, aber auch Stifte, Verpackungen und sonstiger „Kleinkram“. Die Schüler hatten sogar mit noch mehr Müll gerechnet.

„Plastik verrottet nie“

„Mit der Aktion wollen wir mehr Bewusstsein dafür schaffen, wie viel hier weggeworfen wird“, erklärte Merle Wagner (16), Hauptverantwortliche der AG. Wie viele Zero-Waste-Experten hält sie ein Problembewusstsein für den ersten Schritt. In der ganzen Schule hängen Plakate, die wachrütteln sollen. „Plastik verrottet nie“, heißt es auf einem der Poster. Auf dem Plakat daneben schwimmt ein Müllteppich im Meer.

"Wir wollten aber auch Anregungen geben, wie man es besser machen kann“, sagt Wagner. Deshalb hat die AG Listen aufgehängt, auf denen sie Tipps zur Müllvermeidung gibt. In der Mensa keine Serviette nehmen, wenn man keine braucht, zum Beispiel. Oder die Trinkflasche immer wieder auffüllen, statt Getränke in Einwegflaschen zu kaufen.

Mitschüler reagieren verschieden

Von den anderen Schülern erhielt die AG bisher gemischtes Feedback. „Manche finden es gut und würden in der AG mitmachen, wenn sie mehr Zeit hätten. Andere machen sich darüber lustig und kritisieren, dass es scheinbar immer nur um die Umwelt geht“, sagt Wagner. Was entgegnen die AG-Mitglieder darauf? Ismie Minkova (16) fand klare Worte: „Die Umwelt ist wichtig, von ihr hängt unsere Zukunft ab. Wie wollen wir in 50 Jahren noch leben, wenn wir alles zerstören?“

Wagner glaubt, dass sich das Umweltbewusstsein an der Schule schon verbessert hat: „Der Fahrradkäfig ist zwar immer noch fast leer, wenn es regnet. Aber ich habe den Eindruck, dass zumindest ein paar Schüler mehr auch bei schlechtem Wetter mit dem Rad kommen.“

Aufklärung statt Zwang

Bei ihren Aktionen setzt die AG bewusst nicht auf Verbote. „Ich finde es wichtig, die eigene Meinung niemandem aufzuzwingen“, sagt Elias Furlan Cano (17). Stattdessen wollen die Schüler Anreize schaffen – etwa mit einem Preis für die Klasse, die bei der nächsten Aktion am wenigsten Müll produziert. Außerdem wollen sie ihre Mitschüler dazu anregen, einfach mal auszuprobieren, wie es ist, auf etwas zu verzichten. „Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass wir eine autofreie Woche machen, in der alle auf das Auto verzichten und dann schauen, ob das wirklich so schlimm war“, regt Furlan Cano an. Wagner betont: „Die anderen sollen nicht nur mitmachen, um etwas zu gewinnen, sondern verstehen, warum uns Umweltschutz wichtig ist.“

Von den Lehrern erhält die AG viel Unterstützung. Auch in ihren eigenen Familien habe sich schon manches verändert. „Als ich Vegetarierin wurde, fanden meine Eltern das erst blöd“, erzählt zum Beispiel Sonja Löhmann (19). „Jetzt isst mein Stiefvater auch manchmal vegetarisch.“ Gleich mehrere berichteten, dass ihre Großmütter mittlerweile vegetarische und sogar vegane Gerichte in ihr Repertoire aufgenommen haben.

Insgesamt engagieren sich in der AG 25 Schülerinnen und Schüler, die meisten sind auch in der Schülermitverantwortung oder der AG Tier- und Umweltschutz. Anlass zur Gründung der AG „Ein Jahr für die Umwelt“ gaben die Demonstrationen von „Fridays for Future“. „Wir wollten zeigen, dass wir nicht demonstrieren, um die Schule zu schwänzen, sondern weil uns das Thema wichtig ist“, erklärt Furlan Cano. Gemeinsam überlegten Lehrer und Schüler, wie sich die Energie in konkretes Engagement verwandeln ließe. Die AG war geboren.

Für die Zukunft haben die Schüler viele Ideen: Sie wollen eine Kleidertauschparty und eine Woche unter dem Motto „Umweltfreundlicher zur Schule“ organisieren. In der Mensa soll es mehr vegetarische und vegane Angebote geben.

Die Schule soll Materialien wie Papier und Stifte aus nachhaltigen Quellen beziehen. Im Sportunterricht könnte man „Ploggen“ gehen, also beim Joggen Müll sammeln – das Stichwort lautet: Bewusstsein schaffen.
tho

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