Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt

Weinheimer Nachrichten vom 08. Februar 2020

Die siebten Klassen der Dietrich-Bonhoeffer-Schule beschäftigen sich mit Schikanen im Internet. Workshops unter Anleitung von älteren Schülerinnen und Schülern gehen unter die Haut.

Weinheim. Als die Faust Marvins Gesicht trifft, klingt der Schlag dumpf. Der Jugendliche geht auf dem Bahnsteig zu Boden. Yannik, Lukas, Hamit und Max treten auf ihn ein. Wenige Minuten vorher hatten sie ihren Mitschüler in der Straßenbahn beleidigt und seine Reaktion gefilmt. Als Marvin blutig und mit zerrissenen Klamotten endlich fliehen kann, rufen die Schläger ihm hinterher: „Heute Mittag ist das im Netz!“
Von Theresa Horbach

An der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) schauen am Freitagvormittag 20 Schülerinnen und Schüler den Film über Marvin an. Allerdings nicht, um sich über ihn lustig zu machen, sondern um künftig besser mit Cybermobbing umgehen zu können. Denn Marvin ist kein realer Jugendlicher, sondern ein Charakter aus einem Video, mit dem das Landeskriminalamt Baden-Württemberg über Mobbing im Internet informieren will.

Cybermobbing nennt man dieses gezielte Schikanieren einer Person über digitale Medien. Anders als bei einem Streit sind Täter und Opfer beim Mobbing nicht auf Augenhöhe; die schikanierte Person kann sich meist schlecht oder gar nicht wehren. Und anders als beim „klassischen“ Mobbing hört Mobbing über soziale Netzwerke und Smartphones nicht nach der Schule auf, sondern verfolgt die betroffene Person immer und überall. Oft weiß sie nicht, wer hinter dem Angriff steckt – und noch weniger, wer sich die Inhalte online anschaut.

Niemand lacht mehr

Um Schülerinnen und Schüler für solche Angriffe zu sensibilisieren, führt die DBS jedes Jahr mit ihren siebten Klassen einen Workshop zum Thema durch. 140 Siebtklässler sind in diesem Jahr dabei. Die Workshops werden von älteren Schülern geleitet, die entweder in der SMV sind, sich als Streitschlichter engagieren oder eine Ausbildung als „Medienscout“ haben, ihre Mitschüler also auch sonst für Chancen und Gefahren im Umgang mit digitalen Medien sensibilisieren.

Gesine Faber (17) und Lea-Luisa Falter (14) sind zwei von ihnen. Spielerisch finden sie zu Beginn des Workshops heraus, welche Erfahrungen die Siebtklässler mit Gewalt und Mobbing haben. Mobbing in der Klasse haben fast alle schon beobachtet; zwei wurden selbst bereits ausgegrenzt. Betrachtet man sich die Zahlen der deutschlandweiten Studie „Jugend, Information, Medien“ überrascht das nicht: 34 Prozent der befragten Jugendlichen bekamen schon einmal mit, wie jemand per Smartphone oder online fertiggemacht wurde. Acht Prozent gaben an, bereits selbst Opfer von Cybermobbing geworden zu sein. Susanne Mußmann, auf Lehrerseite verantwortlich für die Streitschlichtung, berichtet, dass beim Cybermobbing-Workshop an der DBS jedes Jahr Jugendliche auffallen, die gemobbt werden. „Die Dunkelziffer liegt bestimmt höher“, glaubt sie.

In dem kleinen Klassensaal der DBS finden einzelne den Workshop derweil witzig. Gesine und Lea-Luise haben ihre Mühe, die Gruppe zum Mitmachen zu animieren. Dann schauen sie noch einen Film an: Ein Mädchen wird in den sozialen Medien so sehr gemobbt, dass sie sich das Leben nehmen will. In letzter Sekunde versteht eine Freundin den Ernst der Lage und kommt der Jugendlichen zu Hilfe. Spätestens jetzt ist niemandem mehr zum Lachen zumute. Einige berichten über eigene Mobbingerfahrungen – sei es als Täter, Opfer oder Beobachter. Selbst die, die anfangs noch Witze machten, versetzen sich nun in die Lage des gemobbten Mädchens, überlegen, wie man als Betroffener oder Freund reagieren kann.

Mögliche Strafe: Schulverweis

Zum Abschluss ermutigen Gesine und Lea-Luisa ihre Mitschüler, im Ernstfall Klassensprecher, Lehrer oder die Polizei einzuschalten – denn Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Wer übers Internet gegen jemanden hetzt, riskiert zum Beispiel eine Anzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede oder weil er durch das Veröffentlichen von Fotos das Recht am eigenen Bild verletzt hat. Das kann Sozialstunden, bei Wiederholungstätern sogar Jugendarrest nach sich ziehen.

Auch an der Schule gibt es für Mobber Konsequenzen: Sie reichen von einem Wechsel in die Parallelklasse bis zum Schulausschluss. An der DBS werden sie ergänzt durch den Grundsatz: „An unserer Schule gehen die Täter und nicht die Opfer!“ In den vergangenen vier Jahren traf das auf drei Schüler zu: Einer ging freiwillig, zwei wurden nach der Auswertung von Handymaterial der Schule verwiesen.

Du wirst im Internet oder in der Schule gemobbt oder deine Gedanken kreisen darum, dir das Leben zu nehmen? Sprich darüber. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter 0800/1110111 und 0800/1110222. Auch das Jugendtelefon der „Nummer gegen Kummer“ hilft anonym und kostenlos unter 116111 (Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr).

Tipps:

Angreifer nicht zurückbeleidigen.

Sich bei Angriffen laut wehren („Ich will das nicht! Lasst mich in Ruhe!“), damit Passanten merken, dass die Situation kein Spaß ist.

Unbeteiligte direkt ansprechen und um Hilfe bitten, zum Beispiel: „Sie mit dem grünen T-Shirt, helfen Sie mir!“

Regeln für den Klassenchat festlegen, eventuell einen „Info-Klassenchat“ einrichten, in dem nur wichtige Informationen ausgetauscht werden (keine Kommentare, keine Emojis).

Nicht auf jede Anfrage im Internet reagieren. Nur Personen annehmen, die man kennt.

Keine zu persönlichen Angaben im Internet veröffentlichen (zum Beispiel die Adresse).

Keine Videos oder Bilder weiterleiten, die anderen unangenehm sein könnten.

Auf Beleidigungen oder Lügen im Internet nicht reagieren, da das die Täter meist noch mehr anstachelt.

Den Angriff dokumentieren, zum Beispiel mit Screenshots.

Beleidigungen, Hass-Postings und gemeine Bilder bei den jeweiligen Netzwerken melden.

Mit Eltern, Lehrern oder Schulsozialarbeitern sprechen.

Im Ernstfall die Polizei einschalten und Anzeige erstatten.

Anlaufstellen im Internet: www.juuuport.de (Online-Beratung von Jugendlichen für Jugendliche), www.klicksafe.de (Portal zum Thema Internetsicherheit),
www.nummergegenkummer.de, www.telefonseelsorge.de

Seite wird geladen
Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt