Die DBS will wissen, wie es ihren Schülern geht

Weinheimer Nachrichten vom 11. Mai 2020

An der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Weinheim läuft eine Umfrage zum psychischen Wohlbefinden der Schüler in Zeiten von Homeschooling

Weinheim. Digitaler Unterricht vom ersten Tag an, Berge von ausgedrucktem Papier oder auch Pakete mit Arbeitsmaterialien, die nach Hause gebracht werden. Für Schülerinnen und Schüler bestehen derzeit ganz unterschiedliche Voraussetzungen, was den Unterricht zuhause betrifft. Die Dietrich-Bonhoeffer-Schule Weinheim ermittelt gerade, wie es den Schülern damit emotional geht.

Seit einer Woche läuft der Schulbetrieb in Baden-Württemberg schrittweise an, unter anderem sind es die Schüler der Abschlussklassen, die wieder die Schulbank drücken. An Einzeltischen, auf Abstand und natürlich unter Berücksichtigung der geltenden Hygieneregeln. Alle anderen sind weiterhin zuhause, werden unterrichtet per App, Videochat, müssen sich teilweise aber immer noch durch Berge von zugesandten Arbeitsblättern quälen. Ohne die gewohnte Struktur eines Unterrichts von Angesicht zu Angesicht keine leichte Aufgabe.

Der Dietrich-Bonhoeffer-Schule, die neben der Grundschule mit dem Gymnasium, der Realschule sowie der Werkrealschule gleich drei weiterführende Schularten unter einem Dach vereint, lässt das keine Ruhe. Speziell die Präventionslehrer sind es, die aktuell eine Umfrage bei den Schülern der oberen Schulen durchführen, um Näheres über das zu erfahren, was im digitalen Austausch nur schwer nachzuspüren ist: Wie ist es um das emotionale, das psychische Wohlbefinden der Schüler bestellt? Was macht das wochenlange Homeschooling mit ihnen?

Das Kindeswohl im Blick

Peter Plattmann als Lehrer am Gymnasium ist einer von ihnen, er bildet ein Team mit Niko Knapp und Isabel Eigner, den Schulsozialarbeiterinnen Marie Mayer, Jasmin Dähler und Lisa Klink sowie der Schulleiterin Andrea Volz, der Beratungslehrerin Cordula Groß und Christian Lohse, die eine flächendeckende Umfrage auf den Weg gebracht haben. Der Grund für das Engagement ist schnell erklärt: Neben der augenblicklichen Situation, die Schülern, Lehrern, aber auch Eltern einiges abverlangt, ist es vor allem das Wegfallen persönlicher Gespräche in der Schule und die damit fehlende soziale Kontrolle, die Sorgen bereitet. Es ist ein Ansatz, der unter anderem durch Organisationen wie dem Deutschen Kinderschutzbund bestätigt werden: Gut 60 Prozent der Meldungen zu Kindeswohlgefährdung bei Jugendämtern erfolgt durch Schulen, Kitas oder auch Arztpraxen. Das alles fällt derzeit zu einem großen Teil weg, und daher „ist es wohl nicht gewagt, zu behaupten, dass wir zurzeit eher von einer erhöhten Anzahl von innerfamiliärer Gewalt und Kindeswohlgefährdung ausgehen müssen. Solidarität mit den Ungeschützten in der Gesellschaft, gegenseitige Unterstützung und aufeinander aufzupassen sind deshalb unabdingbar“, heißt es dazu in einem Infoschreiben an das Kollegium.

Dies ist die Basis, warum sich das DBS-Team zusammengetan und überlegt hat, wie der, gerade in dieser Zeit, enorm wichtige Austausch zwischen Schule und den Schülern gefördert werden kann. Herausgekommen ist eine Umfrage, die über die für den Unterricht genutzte App geführt wird und dort Funktionen bereithält, mit denen in Fällen, bei denen sich Probleme aufzeigen, auch direkt gehandelt werden kann; Einzelchats zwischen Lehrern und Schülern gehören beispielsweise dazu. „Die Strategie dahinter ist, dass wir ganz behutsam den Kontakt zu betroffenen Schülern aufbauen können. Im direkten Gespräch, ohne Eltern und ohne mit der Tür ins Haus zu fallen“, beschreibt es Plattmann. Parallel dazu sind auch die Schulsozialarbeiterinnen eingebunden.

Alle drei Schularten dabei

Das Projekt läuft aktuell an den Klassen des Gymnasiums und der Realschule, die Werkrealschule arbeitet ab diesem Montag mit der App und steigt mit in die Online-Befragung ein. Da die App auch auf mobilen Geräten wie Smartphones läuft, können so alle Schüler erreicht werden. Es ist ein wichtiger Punkt, der in den vergangenen Wochen in der gesamten Republik eine Hürde darstellte: Nicht alle Schüler verfügen zuhause über einen festen Online-Zugang. Außerdem ist es wichtig, dass die Umfrage über die schulinterne App gemacht wird, denn so ist eine Verschlüsselung garantiert, die dafür genutzten Server stehen in der Schule. Was bei den vielen Messenger-Diensten nicht der Fall ist.

Natürlich bleibt die Umfrage auch anonym, Namen der Schüler und vor allem auch deren Antworten werden nicht kommuniziert; nur so ist es möglich, dass Kinder und Jugendliche mit Problemen nicht stigmatisiert werden. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse bleiben in der Gruppe der Initiatoren der Umfrage, sie leiten – wenn nötig – die weiteren Schritte ein.

Hand und Fuß bekommt alles über das „minnit“-Projekt des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg. Hier können schnelle Stimmungsbilder für alle Schularten mittels Umfrage-Tools durchgeführt werden, das Ganze ist intuitiv und datenschutzrechtlich sicher. Zusätzlich gibt es wertvolle Tipps, was die Auswertung betrifft.

Für die DBS bedeutet dies konkret, dass insgesamt zehn Fragen, von den jeweiligen Klassenlehrern verschickt werden; sie alle bauen aufeinander auf. Der Einstieg ist vergleichbar mit dem Aufwärmprogramm im Sport, es geht um die Erfahrungen in den vergangenen Osterferien, was die Schüler von den getroffenen Maßnahmen halten und wie sie sich in der augenblicklichen Situation zuhause fühlen. Sehr gut aufgehoben, gut aufgehoben, mal so, mal so, nicht so gut aufgehoben oder auch schrecklich und total unwohl – es sind, bis auf wenige Ausnahmen, immer vorgegebene Antworten, unter denen ausgewählt werden kann. Ab Frage fünf wird es für die Initiatoren der Umfrage interessant – dann wird gefragt, wie Konflikte ausgetragen werden. Eine Frage, die in den seltensten Fällen offen und ehrlich beantwortet wird, und daher folgen zwei Fragestellungen, „mit denen wir uns alle ziemlich schwergetan haben“, sagt Plattmann.

„Fühlst Du Dich nicht gut oder glaubst Du, jemandem in der Klasse geht es schlecht?“, lautet die erste Frage. Dabei ergeht die Bitte, auch den konkreten Namen mitzuteilen. Es ist eine wichtige Frage und der Grat zwischen Empathie den Mitschülern gegenüber und einer eventuellen Denunzierung anderer ist recht schmal. „Gehen wir damit einen Schritt zu weit, dringen wir zu sehr in die Privatsphäre ein? All diese Fragen und mehr haben wir uns vorab gestellt“, erklärt Plattmann. Am Ende aber habe man, mit Blick auf den ersten Rücklauf der Antworten, durchaus gute Erfahrungen gemacht. Zumal den Schülern bewusst sei, dass es sich bei der App um einen geschützten Raum handele, die Hemmschwelle sei entsprechend niedriger. Die recht konfrontative Frage ging am Ende durch und Plattmann hat dazu diese Meinung: „Lieber ruft man einmal zu viel an, stößt vielleicht auch auf falschen Alarm. Aber besser so, als dass es eventuell zu spät ist.“

Eine recht clevere Frage wird im Anschluss gestellt, dabei geht es um Personen, an die sich die Schüler wenden, wenn es, aus welchen Gründen auch immer, für sie gerade nicht so gut läuft. „Wenn die Antwort lautet, dass man niemand hat, dann ist das natürlich auch besorgniserregend“, sagt Plattmann. Für diesen Fall hat das Team eine umfangreiche Liste von Anlaufstationen zusammengestellt, die den Schülern im Nachgang empfohlen werden. Die „Nummer gegen Kummer“ gehört ebenso dazu wie die psychologische Familien- und Erziehungsberatung sowie viele weitere telefonische Servicenummern und Online-Angebote. Und natürlich die Möglichkeit, von sich aus Kontakt mit den jeweiligen Lehrerinnen und Lehrern ihres Vertrauens oder auch der Schulsozialarbeit aufzunehmen.

Auch das Gute spielt eine Rolle

Den Abschluss bildet die Frage nach dem Positiven in schwierigen Zeiten und was den befragten Schülern dazu einfällt. Ein Blick auf die ersten Rückläufer ist sehr interessant: „Ich bin öfter alleine und habe meine Ruhe“, „Auch in der Situation sind Freunde für einen da“, „Ich habe weniger Stress und bin selbstständiger“, „Man hat Freunde zum Reden und Telefonieren“ – viele nehmen offensichtlich etwas Gutes mit. Wobei die Antworten nicht repräsentativ sein können, was im Übrigen auch für die gesamte Umfrage gilt. Es kann aber ein wertvoller Zwischenstand ermittelt werden und dazu führen, dass an der ein oder anderen Stelle an Schrauben gedreht werden kann, bevor etwas seinen Halt verliert. Vor allem befassen sich die Antworten auf die letzte Frage auf das Wohlbefinden abseits des Unterrichts und gelten eher dem allgemeinen Empfinden, weniger den Folgen des Homeschoolings.

Denn schulisch betrachtet ist es für die Schüler nicht einfach. Sie sind einem enorm großen emotionalen Stress ausgesetzt. Eltern im Homeoffice, nicht genügend digitale Endgeräte, zum Teil keine Online-Zugänge, sind die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass die Kinder und Jugendlichen natürlich auch die Probleme mitbekommen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung vorhanden sind. Angst um den Arbeitsplatz, Kurzarbeit, daraus abzuleitende finanzielle Sorgen und Nöte – das alles betrifft oder vielmehr befasst nicht nur die Erwachsenenwelt.

Die Umfrage ist zwar von der DBS auf den Weg gebracht worden, doch dem Team war es wichtig, das Vorgehen auch anderen Schulen zu präsentieren. „Wir haben das auch weitergegeben an die Schulen hier vor Ort, aber auch an den Arbeitskreis der Präventionslehrer in Nordbaden“, soll laut Plattmann der Kreis weiter gezogen werden. Wie wichtig eine solche Umfrage ist, macht er daran fest: „Es gibt mittlerweile viele Schülerinnen und Schüler, denen es schon zu viel ist. Daher geht es jetzt vorrangig darum, den Kontakt nicht zu verlieren.“

Das nächste Projekt ist übrigens schon geplant: Es wird eine Umfrage unter den betroffenen Eltern nach deren Wohlbefinden sein.

Tipps für den Unterricht zuhause

Seit vergangener Woche kann zunächst nur ein Teil der Schülerinnen und Schüler die Schule wieder besuchen. Für den Rest gilt weiterhin der Unterricht von zuhause aus. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat dafür zehn Tipps zusammengestellt, mit denen das Homeschooling zumindest etwas besser funktionieren kann, und die in der Folge, leicht verkürzt, zusammengefasst sind.

Mit den Kindern Regeln für das häusliche Lernen vereinbaren. Die Regeln sollten feste Zeiten für das Lernen vorsehen, aber nicht den Schulalltag imitieren.

Die Kinder nicht überfordern. Vielmehr sollte man sich beim häuslichen Lernen an den Empfehlungen der jeweiligen Schulen orientieren. Insbesondere ältere Kinder und Jugendliche sollten außerdem die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, was sie in welcher Reihenfolge bearbeiten möchten.

Stets die emotionale Belastung, die die besondere Situation auch für die Kinder bedeutet, beachten. Und vor allem über die Probleme der Kinder reden, wenn diese sie am Lernen hindern.

Jede Möglichkeit nutzen, die es den Kindern erlaubt, beim Lernen mit ihren Schulkameraden in Kontakt zu treten.

Darauf achten, dass die Kinder das Lernen nicht als Zwang und Drill erleben, und ihnen Raum für spielerische Lernformen überlassen.

Gemeinsam mit den Kindern eine tägliche Dokumentation ihrer Lernprozesse vereinbaren.

Aus dem Lernen einen in jeder Hinsicht bewegten Prozess machen. Nur ein gut durchblutetes Gehirn kann auch Leistung bringen.

Den Kindern viel Raum lassen für die kreative Gestaltung der Lernprozesse.

Die Bildschirmzeiten kontrollieren und regulieren und zusätzlich für „analogen“ Ausgleich sorgen.

Bei Fragen zu Aufgaben und Lernprogrammen Kontakt mit den Lehrkräften aufnehmen. Dies gilt insbesondere auch dann, wenn die Bewältigung der von der Schule gestellten Aufgaben Probleme bereitet.

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